
Am 2. Juni 2026 von 15:00 bis 16:00 Uhr fand eine weitere Ausgabe der Digitalen Kaffeerunde statt. Selina Müller und Daniel Rütten vom Schreibzentrum der Goethe-Universität Frankfurt am Main gaben Einblicke in die Frage, wie Studierende KI-Systeme im Schreibprozess behandeln und welche didaktischen Konsequenzen sich daraus ergeben.
Ausgangspunkt war die aktuelle Studierendenbefragung des Schreibzentrums zum akademischen Schreiben mit KI. An der deutschlandweiten Studie beteiligten sich rund 4.000 Studierende. Sie zeigt, dass KI inzwischen breit in wissenschaftlichen Schreibprozessen eingesetzt wird, zugleich aber ambivalent wahrgenommen wird: Studierende berichten sowohl von Unterstützung und Effizienzgewinnen als auch von Sorgen vor Kompetenzverlust und Abhängigkeit.
Im Vortrag stand insbesondere die Anthropomorphisierung von KI-Systemen im Mittelpunkt. Die Referent*innen zeigten anhand von Werbung, medialer Berichterstattung, Benutzeroberflächen und wissenschaftlicher Kommunikation, wie KI immer wieder mit menschlichen Eigenschaften und Rollen verbunden wird. Auch in den offenen Antworten der Befragung finden sich entsprechende Zuschreibungen: Studierende beschreiben KI beispielsweise als Instanz, die Feedback gibt, motiviert, bestätigt oder bei Schreibproblemen unterstützt. Anthropomorphisierung kann damit auch eine konkrete Strategie im Umgang mit KI darstellen – etwa zur emotionalen und motivationalen Unterstützung. Zugleich kann die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften übermäßiges Vertrauen in Systeme fördern.
Zur Erklärung des Phänomens stellten die Referent*innen unter anderem das Drei-Faktoren-Modell der Anthropomorphisierung nach Epley, Waytz und Cacioppo (2007) vor. Demnach spielen unter anderem vorhandenes Wissen über menschliches Verhalten, das Bedürfnis, das Verhalten eines Systems erklären zu können, sowie das Bedürfnis nach sozialem Kontakt eine Rolle dabei, ob technische Systeme vermenschlicht wahrgenommen werden.
Daran anschließend wurden Konsequenzen für die Gestaltung von KI-Systemen und für die Hochschullehre diskutiert. Auf technischer Ebene können etwa transparente Hinweise verdeutlichen, dass Nutzer*innen mit einem technischen System und nicht mit einem menschlichen Gegenüber interagieren. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Bezeichnungen wie „Tutor“ oder „Partner“ für KI-Systeme vermieden werden sollten – oder ob ihre positiven Assoziationen didaktisch bewusst genutzt werden können.
In der Diskussion rückte insbesondere das Verhältnis zwischen KI und menschlicher Schreibberatung in den Mittelpunkt. Die Teilnehmenden berichteten, dass sich Tätigkeiten von Tutorinnen und Schreibberaterinnen durch KI verändern, deren menschliche Funktion jedoch keineswegs überflüssig werde. Studierende suchten weiterhin persönliche Rückversicherung und Beratung; teilweise zeige sich in Beratungen sogar, dass sie Texte mithilfe von KI erstellt haben, deren Argumentation oder Inhalte sie selbst nicht mehr vollständig nachvollziehen können. Vereinzelt gebe es jedoch auch gegenläufige Tendenzen: Insbesondere bei vulnerablen Gruppen könne die Nutzung von KI mit einem Rückzug aus klassischen Beratungs- und Tutor*innenbeziehungen einhergehen. Vor diesem Hintergrund wurde dafür plädiert, menschliche Beratungsangebote weiterhin sichtbar und zugänglich zu halten und ihre spezifisch menschlichen Qualitäten deutlicher herauszustellen.
Die Digitale Kaffeerunde machte damit deutlich, dass KI-Kompetenz im wissenschaftlichen Schreiben über die sichere Bedienung von Tools hinausgeht. Auch die Fähigkeit, emotionale Bindung, Vertrauen und die vermeintlich soziale Rolle von KI-Systemen kritisch zu reflektieren, wird zunehmend zu einem Bestandteil eines verantwortungsvollen Umgangs mit generativer KI.
